Band Hintergründe

Auch in Leipzig haben rechte Neofolk-Konzerte Kontinuität (1). In den 2010er Jahren gab es die rechte Neofolk-Konzertreihe „Runes & Men“ (2), die später in das Mini-Festival „Fire & Sun“ überging (3). Im Rahmen der Veranstaltungen sind einschlägige Szenegrößen wie Death in June, Blood Axis, Sol Invictus oder Sonne Hagal aufgetreten, aber auch schon Darkwood und Spiritual Front.
 
Entsprechend hatten die Konzerte, die zuletzt im Schloss Knauthain in Knautkleeberg (4) stattgefunden haben, immer auch Anziehungskraft auf ein extrem rechtes Publikum. So sollen nicht nur NPD-Kader und Identitäre unter den Besucher*innen gewesen sein, sondern auch Götz Kubitschek und Ellen Kositza (5). Veranstaltet wurden besagte Konzertreihen von „Equinox Organisation“. 
 
Und auch heute finden nach wie vor rechte Neofolk-Bands ihren Weg nach Leipzig. Einzelne Konzerte während des Wave-Gotik-Treffen (WGT), Veranstaltungen im Hellraiser (6) oder eben im Felsenkeller bieten dafür den Rahmen. Beispielsweise fand eine entsprechende Veranstaltung im Januar 2025 u.a. mit den Bands Death in Rome und Herr Lounge Corps im Felsenkeller statt (7). Diese wurde, wie auch das Konzert am 31.01.2026, vom Dessauer Label „Only the Sun Knows“ organisiert (8).
 
In der Diskussion darüber, wie rechts nun einzelne Bands seien, darf jedoch nicht der Blick darauf verstellt werden, dass das Neofolk-Genre an sich durch seine Bezugnahme auf Naturmystik, Neuheidentum, Runen und Mittelalter reaktionär daherkommt und somit immer auch anschlussfähig für die Ideologie der extremen Rechten ist. Hierzu wird sich nicht selten bei Ideen von Nationalkonservativen und rechten Esoteriker*innen bedient. Hinzukommt, dass die oft verwendete und an die Schwarze Szene angelehnte soldatische Ästhetik, eine ideale „Projektionsfläche für faschistische Ideenwelten“ liefert (9). Dies soll jedoch nicht heißen, dass alle Neofolk-Bands faschistisch seien oder das Genre an sich ein extrem Rechtes sei. Hier gilt es zu differenzieren.
 
Bei dem Konzert am 31.01.2026 im Felsenkeller ist die Sache jedoch offensichtlich. Bei allen vier angekündigten Acts Darkwood, Spiritual Front, Der Arbeiter und Espacio Vital lassen sich Verweise auf faschistische und nazistische Ideologie finden oder Verbindungen zu anderen extrem rechten Künstler*innen aufzeigen.
 
Seit über zwei Jahrzehnten gilt Darkwood aus Dresden als eine zentrale Band im deutschen Neofolk und ist aufgrund ihrer völkischen Texte in extrem rechten Kreisen beliebt (10). Auf ihrer Website schrieb die Band einst, dass sie sich aus der Notwendigkeit heraus gegründet habe, „der Liebe zu unserem Heimatland und unserem Stolz Ausdruck zu verleihen“, denn „die Liebe zu unserem Heimatland ist gezeichnet von Schuldgefühlen.“
 
In einem Interview konkretisierte Frontmann Henryk Vogel seine Sichtweisen, indem er in Bezug auf die Fußball-WM 2006 in Deutschland sagte, „so könnte doch diese WM als Vorbild dienen für den gesunden Nationalstolz, der uns so abhanden gekommen zu sein scheint.“ Im gleichen Gespräch erwähnte er auch Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“ (11), das er für „sehr inspirierend“ hielt. Nicht umsonst ist Spengler als Teil der Konservativen Revolution ein Hauptbezugspunkt der sogenannten „Neuen Rechten“. Doch nicht nur „konservative Denker“, auch klassische Faschisten und Neonazis werden von Darkwood bewundert.
 
Bereits 2001 beteiligte sich die Band gemeinsam mit weiteren problematischen Szene-Bands an einem Sampler zu Ehren des rumänischen Faschisten Corneliu Zelea Codreanu, der in den 1920/30ern Gründer und langjähriger Führer der faschistischen und antisemitischen Bewegung „Eiserne Garde“ war, auf ihn beziehen sich Neonazis in Deutschland und Rumänien noch heute (12). In dem von Darkwood beigesteuerten Song „Mord & Lüge“ heißt es in faschistischer Manier: „Dem Freunde Freund, dem Feinde Tod. Entschlossen handeln für die Sache, den Kameraden Vater in jeder Not. Die Erde ihres Heimatlandes, für ihren Kampf ist sie das Blut, sei alles Gold vergessen.“
 
In weiteren Veröffentlichungen finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus. Sei es ein an die Hitlerjugend erinnernder Junge auf einem Plattencover („Notwendfeuer“) oder die Vertonung eines Werkes des Nazis und militanten Antisemiten Adolf Bartels („Nibelungenland“).
 
Auch die Band Spiritual Front, um den Musiker Simone Salvatori, beteiligte sich mit dem Song „The Longest Winter Of The Strongest Heart“ an dem erwähnten Sampler zu Ehren des Faschisten. Auf demselben Label veröffentlichte die Band auch eines ihrer ersten Alben.
 
Der Sampler sollte nicht das einzige Projekt mit extrem rechten Künstler*innen bleiben, denn weitere Kompilationen mit Bands wie Blood Axis oder Von Thronstahl sollten folgen. Salvatori betrachtet diese Umstände in Interviews häufig als Jugendsünde, hat jedoch nie eine glaubhafte Distanzierung von der Ideologie der Beteiligten vorgenommen. Fakt ist, dass Spiritual Front bis heute die Bühne mit extrem rechten Bands teilt.
 
So tourten sie unter anderem 2015 mit Death in June durch Nordamerika und traten 2016 gemeinsam in Leipzig auf. Aus der Bewunderung für Death in June Frontmann Douglas Pearce macht Salvatori auch keinen Hehl, trotz dessen rassistischen und faschistischen Aussagen. Zuletzt stand Salvatori wegen des Verbreitens pro-russischer Propaganda in der Kritik.
 
Der Musiker Der Arbeiter nimmt mit seinem Namen sehr wahrscheinlich Bezug auf einen weiteren Fixpunkt der „Neuen Rechten“, auf den Autor Ernst Jünger und sein Werk „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“. In der theoretischen Schrift kann eine starke Affinität und Vorwegnahme von Faschismus und NS-Staat gesehen werden, mitunter gilt sie als „faschistisches Kunstwerk“. Doch nicht nur der Name, auch die Musik verweist auf extrem rechte Denker. Beispielsweise ist das Album „Holzwege“ nach eigenem Bekunden durch die Werke des Chilenen Miguel Serrano inspiriert. Serrano gilt als Holocaustleugner und Propagandist eines „esoterischen Hitlerismus“. Auf dem Album ist unter anderem seine Stimme in einem der Lieder zu hören. Ein weiterer Song ist eine Cover-Version von einem Stück des extrem rechten Musikers Allerseelen (13). Für Letzteren beteiligte sich Der Arbeiter auch an einer Kompilation zu Ehren des nationalrevolutionären und extrem rechten Publizisten Friedrich Hielscher.
 
Auch der Name des vierten Act des Abends, Espacio Vital, kann als Verweis auf den Nationalsozialismus verstanden werden. „Lebensraum“, die wörtliche Übersetzung, steht für das nationalsozialistische Konzept, das die territoriale Expansion Deutschlands rechtfertigte (14). Dieses Konzept propagierte die Idee, dass das „deutsche Volk“ Anspruch auf „Lebensraum“ im Osten habe, was zu einer der zentralen Rechtfertigungen für den Zweiten Weltkrieg und den antisemitischen Vernichtungswahn wurde. Des Weiteren trägt der Musiker mehrere in extrem rechten Kreisen beliebte Tattoos, unter anderem die Odal-Rune, das Sonnenkreuz und ein Hakenkreuz-ähnliches Symbol (15).